Inspirierende Netzwerke: Einblicke in die Schulentwicklung am Gymnasium Kaltenkirchen – ein Audio-Interview (Text-Version des Audio-Interviews) DLR-PT: Tatjana Rahmani ist Schulleiterin am Gymnasium Kaltenkirchen und sie hat dort schon vor einigen Jahren einen umfassenden Schulentwicklungsprozess angestoßen. Und dabei spielt das Thema Begabungsförderung eine ganz wichtige Rolle. Welche Rolle spielt sie denn genau, Frau Rahmani? Tatjana Rahmani: Für uns ist das im Prinzip ein Ausgangspunkt für unseren grundständigen Schulentwicklungsprozess gewesen. Weil wir ja davon ausgehen, dass alle Kinder ihre eigenen individuellen Begabungen haben und wir das grundsätzlich als gesamte Schulgemeinschaft in den Blick nehmen wollen und dafür eben auch Raum schaffen wollen, dass wir Schule so gestalten, dass sie eben für alle Beteiligten die Begabung einfordert sozusagen. DLR-PT: Warum ist denn das Thema Begabungsförderung für die Schulentwicklung bei Ihnen vor Ort so wichtig? Tatjana Rahmani: Das passt ja zu unserem Schulentwicklungsprozess. Und darüber hinaus ist im Rahmen der Begabungsförderung der Austausch mit anderen Schulen, also das Netzwerken, super wichtig, weil häufig hat man bei sich in der Schule eine bestimmte Idee oder bestimmte Herangehensweise und das Gute ist, das auch immer im Austausch mit anderen zu entwickeln. Und da haben wir eben auch sehr viel Freude dran und finden das sehr gewinnbringend. Und das ist eben im Rahmen dieses Themas besonders gut für uns passend. DLR-PT: Und wen möchten Sie damit erreichen, mit diesem ganzen Prozess, den Sie angestoßen haben? Tatjana Rahmani: Im Prinzip alle hier bei uns an der Schule. Also in erster Linie die Schülerinnen und Schüler, ist ganz klar, aber auch die Lehrkräfte. Die sind ja ein ganz wichtiger Bestandteil. Und man sagt ja immer „You go first“, also erstmal die Lehrkräfte eben – wenn die motiviert und engagiert sind und Lust haben, und das haben sie ja in der Regel. Nur häufig, sind eben die Struktur und das System nicht so, dass sie sich so einbringen können, wie sie sich das ursprünglich mal gedacht haben, als sie sich für den Beruf entschieden haben. Und von daher wollen wir eben wirklich hier bei uns mit diesem grundständigen Schulentwicklungsprozess einen Lernort schaffen, der in erster Linie natürlich die Schülerinnen und Schüler und ihre Bedarfe in den Blick nimmt, aber eben auch einen Arbeitsort schafft, an dem Lehrkräfte das leisten können, wofür sie auch Lehrkräfte geworden sind. DLR-PT: Ja, das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Aber es deutet auch eine Sache an: Begabungsförderung in der Schulentwicklung – das ist wirklich ein langer Weg, das geht nicht in einem kurzen Schritt von heute auf morgen. Und um den zu gehen, da müssen Sie ja auch ein bestimmtes Ziel vor Augen haben. Wo wollen Sie hin? Tatjana Rahmani: Uns schwebt ein Lernort Schule vor, an dem sich alle gut fühlen. Es soll ein Ort sein, an dem in erster Linie es wirklich allen gut geht – dass man hier morgens herkommt und sagt: Okay, ich habe Lust, hierher zu kommen – egal ob man Schülerin oder Schüler oder Lehrkraft ist. Dass der jetzt noch sehr stressige Schulalltag, durch Taktung 45 Minuten oder auch Doppelstunden-Prinzip, was wir haben, aufgehoben und aufgelockert ist und einfach ein freieres miteinander Lernen, interessengeleitet und offen, möglich ist. Das ist so das Ziel. DLR-PT: Und das dann natürlich für die Schülerinnen und Schüler, für die Lehrerinnen und Lehrer und für alle gemeinsam. Tatjana Rahmani: Ganz genau. DLR-PT: Sie sind ja mit dem Gymnasium Kaltenkirchen Teil des Projekts „Leistung macht Schule“. Ganz am Anfang, da waren Sie ja noch gar nicht dabei. Da ging es los mit den sogenannten Multiplikatorschulen. Die haben erst einmal einiges erarbeitet. Und jetzt sind wir mittlerweile in der zweiten Phase vom Projekt. Jetzt geht es darum, die ganzen Erfahrungen, die ganzen Ideen, die ganzen Dinge, die etabliert wurden, an andere Schulen weiterzugeben. Und diese Schulen, die das jetzt erfahren und die das jetzt auch ausprobieren können, das sind die sogenannten Transferschulen. Und eine davon ist Ihre Schule, das Gymnasium Kaltenkirchen. Wie arbeiten Sie denn jetzt konkret mit anderen Schulen zusammen? Tatjana Rahmani: Also erstmal habe ich mich eben mit meiner Schule dafür beworben, weil ich vorher an einer Schule war, die in diesem ersten Prozess mit eingebunden war und ich da auch mitgearbeitet habe und gesehen habe, dass das eben sehr gewinnbringend ist für Schule und Schulentwicklung oder Unterrichtsentwicklung auch insgesamt. Jetzt ist es so, dass wir eben auch weiter in Netzwerken arbeiten und uns austauschen. DLR-PT: Sie haben sich mit Ihrer Schule dafür beworben. Wie ist das abgelaufen und wie ist „Leistung macht Schule“ denn am Anfang bei Ihnen angekommen an Ihrer Schule? Tatjana Rahmani: Also erst einmal ist es ja so, dass diese Bewerbung nicht vom Schulleiter oder der Schulleiterin alleine entschieden wird, sondern eben auch einer Zustimmung und Genehmigung des Kollegiums bedarf. Und das haben wir dann auf einer Lehrerkonferenz hier abgefragt und insofern ist das dann auch schon mal mehr in die Breite gegangen. Woher es bei uns an der Schule kam, war, dass Begabungsförderung eher so Nischenprojekt war, mit dem sich bestimmte Kolleginnen und Kollegen beschäftigt haben. Und jetzt wird es mehr – es geht also wirklich in die Breite und alle nehmen das wahr. Weil wir von vielen Kolleginnen und Kollegen und auch von den Schülern und den Eltern eine Rückmeldung bekommen, dass sie merken, dass sich das positiv auswirkt. Das ist ja immer gut: Wenn man Dinge schafft, die dann in der Praxis positiv bewertet werden, breitet sich das einfacher aus, weil Kolleginnen und Kollegen auch sagen: „Das ist eine gute Sache, davon will ich auch profitieren“ oder „Das will ich auch machen“. Also ich würde sagen: Das in die Breite bringen, ins Bewusstsein des Kollegiums und der Schule auch insgesamt bringen. DLR-PT: Sie haben das mitgemacht, diesen ganzen Prozess, zuerst in einer Multiplikatorschule und dann in einer Transferschule. Wie ist das unterschiedlich verlaufen aus Ihrer Sicht? Wie haben Sie das Projekt und die Zusammenarbeit unterschiedlich zu den verschiedenen Zeiten im Projekt wahrgenommen? Tatjana Rahmani: Das habe ich sehr deutlich unterschiedlich wahrgenommen, weil ich aber auch eine andere Funktion hatte: Hier jetzt die Schulleiterfunktion, wo wirklich mal ein Blick mehr ist auf diesen gesamten Schulentwicklungsprozess. Und damals als Lehrkraft aus der Englisch-Fachschaft heraus, wo wir eine Aufgabe entwickelt haben zusammen, dann auch mit wissenschaftlicher Begleitung. Insofern habe ich sozusagen: Einmal ganz konkret dabei sein, ein Produkt zu erstellen. Ich war dann nicht mehr dabei, als es fertiggestellt wurde. Und jetzt eben dieser größere Blick auf die ganzen Produkte. Das hatte man damals ja nicht. Da war man ja nur so in seiner Schule und hat in seiner Schule gearbeitet. Und jetzt als Transferschule haben wir ja eben den Blick auf die ganzen Produkte bekommen und den Austausch mit den anderen Schulen über die Produkte. Das ist jetzt eher so ein allgemeinerer, gröberer Blick und damals war es ein sehr praktischer, auf ein Projekt bezogener. DLR-PT: Mit dem Gymnasium Kaltenkirchen sind Sie ja jetzt als Transferschule bei „Leistung macht Schule“ dabei. Welche Erfahrungen haben Sie denn da gemacht bisher? Tatjana Rahmani: Wir hatten ja verschiedene Zusammenkünfte, wo wir uns inspirieren lassen konnten von Ideen aus anderen Schulen. Das war auch immer sehr gewinnbringend. Ich glaube, das ist auch die Aufgabe jeder Schule, dass man so guckt, was von diesem ganzen Potpourri passt jetzt gerade zu uns, weil es eben auch so groß ist. „Leistung macht Schule“ ist so riesig und bietet ja ganz viel. Und da muss sich glaube ich jede Schule einfach so ein bisschen suchen, was passt und wo sie den Schwerpunkt legen will, weil es sonst einfach glaube ich eine Überforderung ist. DLR-PT: Viele Möglichkeiten können wirklich eine Herausforderung sein. Gab es da etwas, was Ihnen persönlich dabei geholfen hat, Ihren eigenen Weg zu finden? Tatjana Rahmani: In der ersten Phase, als es so losging mit der Transferphase, da gab es viele Zusammenkünfte mit anderen Schulleitern. Das fand ich auch sehr gewinnbringend, weil man sich da eben auch gegenseitig inspiriert, auch gerade so darüber austauscht: Wie bringe ich jetzt diesen Prozess in der Schulentwicklung an meiner Schule voran? Das ist auf jeden Fall etwas, was ich am Anfang auch mitgenommen habe. DLR-PT: Sie als Schulleiterin, Sie haben da ja noch mal eine ganz andere Rolle als es Lehrerinnen und Lehrer haben. Wie haben Sie das Projekt „Leistung macht Schule“ erlebt und was haben Sie da speziell aus dem Austausch mitgenommen mit den anderen Schulen? Tatjana Rahmani: Also vor allem, dass es super viele Schulen gibt, die Interesse haben, in diese Richtung zu gehen. Das fand ich sehr bestätigend und auch hoffnungsvoll, weil ja eben das System sich irgendwie verändern muss. Und wenn man eben nur so an seiner Schule ist, dann denkt man manchmal so: Denken nur wir jetzt so? Aber das zu sehen, dass es eben viele motivierte Schulleiter gibt, das war schon sehr inspirierend und bereichernd auf jeden Fall. Und eben auch die konkreten Ideen – also zu sagen: „Wie machst du das an deiner Schule?“ Und mit manchen tausche ich mich auch diesbezüglich weiterhin aus. Oder wir freuen uns dann wieder, wenn es ein nächstes Zusammenkommen gibt. Also da hat sich wirklich auch Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen ergeben. DLR-PT: Frau Rahmani, vielen Dank, dass Sie uns etwas erzählt haben über Ihre Erfahrungen mit „Leistung Macht Schule“ am Gymnasium Kaltenkirchen.