Individuelle Entwicklung von Schülerinnen und Schülern aktiv planen und begleiten

Die Lehrerin Kia Paasch und die Wissenschaftler Professor Heinz-Werner Wollersheim und Christian Herbig haben ein Werkzeug entwickelt, mit dem Lehrpersonen gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern deren Entwicklungsprozesse planen können – und zwar nach den Interessen und Begabungen der jungen Menschen.

Lehrer mit Schüler und Tablet

Ein Lehrer begleitet einen Schüler bei seinem Projekt.

Adobe Stock / Monkey Business

Frau Paasch, Herr Professor Wollersheim, Herr Herbig, Sie haben gemeinsam ein Werkzeug erarbeitet, das Lehrpersonen dabei hilft, Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung individuell zu begleiten und zu unterstützen. Das ist die „personalisierte Entwicklungsplanung“.

Was genau verstehen Sie unter „personalisierter Entwicklungsplanung“ (kurz PEP)?

Wollersheim: Entwicklungsplanung heißt, dass wir gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern gezielt planen, in welchem Themengebiet, in welchen Fächern, oder in welchem sozial-emotionalen Bereich sie sich weiterentwickeln wollen. Alle Kinder und Jugendlichen haben bestimmte Fähigkeiten und Interessen, die sie entdecken und stärken können. Personalisiert meint, dass wir uns dabei an den individuellen Lernbedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientieren. Mit der PEP werden für sie wichtige Entwicklungsprozesse angestoßen, strukturiert umgesetzt und begleitet.

Woraus besteht die PEP genau?

Herbig: Die PEP beginnt mit einem Entwicklungsplangespräch zwischen Schülerin oder Schüler und einer Lehrperson beziehungsweise mehreren Lehrpersonen. Gemeinsam finden sie heraus, welche Lern- oder Entwicklungsziele das Kind hat. Auch Selbstvertrauen aufbauen, Ängste ablegen, oder Stressfestigkeit und Selbstmotivation erhöhen, können mögliche Ziele sein. Im nächsten Schritt erarbeiten eine Lehrperson und die Schülerin oder der Schüler einen Entwicklungsplan. Das ist der Startschuss für einen Entwicklungszyklus, in dem die Schülerin oder der Schüler diagnostiziert und gezielt gefördert wird. Die einzelnen Entwicklungsschritte werden mit der PEP systematisiert umgesetzt und dokumentiert.

Wann wird die PEP idealerweise eingesetzt?

Wollersheim: Zum Beispiel wenn Lehrpersonen bei Konferenzen über bestimmte Auffälligkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler sprechen. Sie bemerken besondere Leistungsspitzen, bestimmte Interessen, oder auch konkrete Schwächen. Dann fragen sie sich: Welche Herausforderungen könnten dieses Mädchen oder jenen Jungen weiterbringen? Was kann die Schülerin oder der Schüler selbst tun? Was machen wir zuerst und wie können wir uns gut aufeinander abstimmen? Im Schulalltag ist es gar nicht so leicht, auf diese Fragen auch Taten folgen zu lassen. So etwas sollte strukturiert ablaufen und gut koordiniert werden. Dabei hilft die PEP.

Entwicklungsplanung gibt es an Schulen schon länger. Was ist anders an der PEP?

Wollersheim: Für die PEP haben wir klassische Förderpläne, die vor allem in der Förderpädagogik eingesetzt werden, zu einer ganzheitlichen potenzialorientierten Entwicklungsplanung für alle Schulen weiterentwickelt. Unterstützt durch unsere digitale Web-App ist sie mit umfangreichen Hilfen ausgestattet, so dass die Lehrpersonen schnell Informationen zu Diagnostik und Prozessplanung finden und gleich damit arbeiten können. Mit der Web-APP „mein PEP“ digitalisieren wir wichtige Arbeitsschritte, dadurch ist sie einfach handhabbar. Und wir bieten mit ihr eine feste Struktur, so dass der Prozess stets übersichtlich bleibt.

Herbig: So kann Entwicklungsplanung an Schulen auch wirklich umgesetzt werden. Die große Stärke von PEP ist, dass wir sie gemeinsam mit den Lehrpersonen an unseren Projektschulen entwickelt haben. Deshalb ist sie besonders praxistauglich.

Individuelle Förderung mit PEP

 Die Testversion von „mein PEP“ gibt einen Überblick von Aufbau und Funktionsweise der PEP.

Christian Herbig, Uni Leipzig


Welche Ziele verfolgen Sie mit der PEP?

Herbig: Mit der PEP denken wir die individuelle Förderung vom Kind aus. Wenn wir es schaffen, kooperativ mit den Schülerinnen und Schülern ihre Lernwege auf sie zugeschnitten zu gestalten, können sie sich stärker mit dem eigenen Lernen identifizieren. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um nachhaltig und selbstgesteuert zu lernen.

Wollersheim: Wir wissen, dass Erfolg motiviert. Über mehr schulische Erfolge kann die PEP dazu beitragen, eine stabilere Motivation aufzubauen. Sie schafft auch solchen Kindern und Jugendlichen Zugänge, die vielleicht kein Elternhaus haben, das ihnen vermittelt, dass Bildung sich lohnt. Auf diese Weise können auch bestimmte Entwicklungshintergründe, wie besondere Problemsituationen in der Familie, oder ein Fluchthintergrund, mit aufgefangen werden. So kann die PEP einen aktiven Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland leisten.

Frau Paasch, wofür nutzen Sie am Albrecht-Dürer-Gymnasium in Berlin-Neukölln die PEP?

Paasch: Wir sind eine von sieben Schulen in Berlin, an denen leistungsstarke Kinder schon in der fünften Klasse an das Gymnasium wechseln können, wenn Ihre Eltern das beantragen. Sie lernen bei uns in „Schnelllerner-Klassen“ beschleunigt, vertiefend und neigungsorientiert. Üblicherweise wechseln Schülerinnen und Schüler in Berlin aber erst zur siebten Klasse an die weiterführende Schule. Für sie nutzen wir die PEP, denn wir haben festgestellt, dass diese Kinder seltener von sich aus ihren Neigungen nachgehen, als jene in den „Schnelllerner-Klassen“. Auch außerhalb der Schule nutzen sie weniger oft Angebote zur individuellen Weiterentwicklung. Dabei könnten auch sie wendige Fußballerinnen, kreative Schriftsteller oder neugierige Forscherinnen sein. Aber sie wissen oft nichts davon und kennen keine Zugänge. Mit PEP bieten wir diesen Kindern die Chance, Herzensthemen zu entdecken und mitzubestimmen wohin ihr Weg gehen soll.

Und was geschieht, wenn Schülerinnen und Schüler ihren Weg mitbestimmen?

Paasch: Einer meiner Schüler hat auffällig vielseitige Interessen und kann sich Dinge gut selbst erarbeiten. Im Rahmen der PEP wollte er Manga-Zeichnen lernen. Eine Kunstlehrerin wurde seine Entwicklungspatin und mit ihr hat er in den Dalton-Stunden, in denen unsere Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden können woran sie arbeiten, gezeichnet. Bis zu den coronabedingten Schulschließungen hat er sehr gute Fortschritte gemacht, dann wurde das Thema weniger wichtig für ihn. Zurück in der Schule hat er aber gleich sein nächstes Entwicklungsziel formuliert: Aktuell lernt er das Programmieren. Die PEP reagiert auf sich entwickelnde Interessen der Schülerinnen und Schüler flexibel. Die Kinder können ihre Entwicklungsziele verändern. Das ist toll.

Wollersheim: Am Albrecht-Dürer-Gymnasium geht es um eine ganzheitliche Sicht auf die Schülerinnen und Schüler und es entstehen Entwicklungsbereiche, an die man vielleicht zunächst gar nicht denkt. Aber auch das Manga-Zeichnen ist mit einer Leistungsentwicklung verbunden. Es geht um die motivierte, freudvolle Hinwendung zu bestimmten Bildungsinhalten. Das ist der Grundstein, auf dem sich Leistungsexzellenz und die Eigenmotivation von Kindern und Jugendlichen entwickeln kann.

Paasch: Für die Kinder ist es wichtig, ein Gefühl dafür zu bekommen, warum etwas zum Erfolg führt. Und jeder Einzelerfolg ist übertragbar auf andere Fächer oder Lebensbereiche. Das stärkt natürlich auch das Vertrauen in die Selbstwirksamkeit. Die regelmäßige Selbstreflexion der Schülerinnen und Schüler, die in PEP angelegt ist, ist dabei grundlegend für ihre Erkenntnisse.

Was verändert sich noch bei den Schülerinnen und Schülern?

Herbig: Sie fühlen sich gehört und gesehen. Das motiviert sie und oft werden sie dadurch selbständiger und aktiver in der Schule.

Paasch: Sie erleben, dass ihre eigenen Ziele wichtig sind und beginnen, diese zu verfolgen. Und Eltern erleben, dass andere in ihren Kindern Potentiale sehen.

Frau Paasch, wie setzen Sie die PEP an Ihrer Schule um?

Paasch: In den pädagogischen Konferenzen beraten wir, welchen Schülerinnen und Schülern wir PEP anbieten wollen. Bei uns führen die Klassenlehrerinnen und -lehrer erste Vorgespräche. Hat ein Kind Interesse, treten wir an die Eltern heran. Anschließend finden wir gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern heraus, wo ihre Entwicklungsbereiche liegen und definieren im eigentlichen Entwicklungsplangespräch die Entwicklungsziele und Maßnahmen. Dann legen die Kinder los. Der Prozess wird zwar von den Klassenlehrerinnen und -lehrern gelenkt, aber sie arbeiten intensiv mit ihren Fachkolleginnen und -kollegen, einer Schulsozialarbeiterin und einer Schulpsychologin zusammen. Über die Steuerungsgruppe PEP behalten wir die Umsetzung von PEP als Ganzes an unserer Schule im Auge.

Schematische Darstellung des PEP-Prozesses

Ein personalisierter Entwicklungsplan besteht aus einzelnen PEP-Zyklen. Die Grafik zeigt die Prozessstruktur der Zyklen, die sich aus Diagnostik, Förderung und Evaluation zusammensetzen. So wird eine nachhaltige und standardisierte Förderstruktur erzeugt, mit der Lehrpersonen die Stärken und Entwicklungspotenziale ihrer Schülerinnen und Schüler erkennen und fördern können.

Christian Herbig, Uni Leipzig

Wie gut lässt sich die PEP in den Schulalltag einbinden?

Paasch: Natürlich ist alles, was neu ist, erst einmal herausfordernd. Aber die Frage ist doch: Wo soll Schule hinwachsen und welche Schritte müssen wir dafür gehen? Wir möchten die Begabungsförderung an unserer Schule durch PEP verstärken. Vielleicht unterhalten wir Lehrpersonen uns nun zehn Minuten weniger darüber, was einer Schülerin oder einem Schüler nicht gelingt. Stattdessen überlegen wir: Was kann dieser junge Mensch darüber hinaus? Wie können wir sie oder ihn dabei begleiten, seine Fähigkeiten zu entwickeln? Wir erarbeiten uns einen neuen Blickwinkel. Das ist eine große Chance für unsere Schule. Es lohnt sich, die Herausforderung anzunehmen.

Wie geht es am Albrecht-Dürer-Gymnasium in Berlin weiter mit der PEP?

Paasch: Unser Ziel ist es, die PEP ab der siebten Klasse allen, die sich dafür interessieren, für die gesamte Schullaufbahn anzubieten. Und wir möchten noch mehr Kolleginnen und Kollegen daran beteiligen, denn wir sehen die PEP auch als eine Professionalisierung von Gesprächsführung mit unseren Schülerinnen und Schülern und als eine Chance, individuelle Förderung anders zu denken. Darüber hinaus möchten wir als Schule einen Teil dazu beitragen, diese begabungsförderliche Haltung in die Bildungslandschaft zu tragen, damit sie auch an vielen weiteren Schulen Veränderung freisetzen kann.

Wie wirkt die PEP an anderen Projektschulen von „Leistung macht Schule“?

Herbig: Am Störck-Gymnasium in Bad Saulgau in Baden-Württemberg wird derzeit erwogen, PEP für alle Jahrgangsstufen einzuführen Ein Lehrer von dieser Schule sagte kürzlich: „Wir Lehrpersonen denken jetzt nicht mehr: Das müsste ich mit der Schülerin X oder dem Schüler Y mal machen. Sondern: Das mache ich jetzt mit der Schülerin X oder dem Schüler Y über die PEP.“

Frau Paasch, Herr Professor Wollersheim und Herr Herbig, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Prof. Dr. Heinz-Werner Wollersheim

Seit 1993 ist Heinz-Werner Wollersheim Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Pädagogik an der Universität Leipzig. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Begabungsforschung, Begabtenförderung und Kompetenzentwicklung sowie E-Learning und E-Assessment. Er ist Studiengangverantwortlicher für den Masterstudiengang Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung, der seit 2009 an der Universität Leipzig angeboten wird.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Christian Herbig

In Leipzig und Cádiz hat Christian Herbig Anglistik und Hispanistik für das Lehramt an Gymnasien studiert. Seit 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Leipzig und betreut das Projekt PEP.

Lehrerin Kia Paasch

Die Lehrerin und zeitgenössische Bühnentänzerin Kia Paasch hat in Kiel Deutsch und Sport auf Lehramt studiert. Am Albrecht-Dürer-Gymnasium begann sie 2017 ihr Referendariat und ist seitdem an dieser Schule geblieben. Sie koordiniert die Arbeitsgruppe zur Dalton-Pädagogik, ist Teil der erweiterten Schulleitung und leitet die Tanz-AG. Kia Paasch ist Mitinitiatorin des inklusiven Tanzfestivals „Neukölln tanzt!“.