Veranstaltungsteilnehmerin liest Broschüre Leistung macht Schule

Wenn Grundschulkinder über sich hinauswachsen

Deutschlehrerin Daniela Cherubim erprobt mit ihren Schülerinnen und Schülern an der Grundschule Goethe in Halberstadt das selbstregulierte Lernen.

Porträt Daniela Cherubim

Daniela Cherubim spricht mit einer Schülerin über das Sonnensystem.

Grundschule Goethe Halberstadt

Leistung-macht-Schule.de: Frau Cherubim, die Internetseite Ihrer Grundschule zitiert Johann Wolfgang von Goethe: „Bleibe nicht am Boden haften, frisch gewagt und frisch hinaus!“ Inwiefern charakterisiert dieser Aufruf Ihre Schule?

Wir möchten die Kinder in unserer Grundschule möglichst gut auf ihre Zeit an den weiterführenden Schulen vorbereiten. Sie sollen dazu befähigt werden, ihren eigenen Weg zu gehen – und das mutig und frei. Dabei versuchen wir, alle Kinder gleichermaßen zu fördern. Sowohl solche mit ganz bestimmten Talenten als auch solche, die vielseitig leistungsstark sind.

Aber das Zitat bezieht sich auch auf uns als Lehrkräfte: Wir möchten ganz viel Neues ausprobieren, um entsprechend qualifiziert fördern zu können. Wir versuchen immer wieder neue Ideen in unsere Arbeit einzubringen, um das Bestmögliche aus unseren Schülerinnen und Schülern herauszukitzeln.

Die Grundschule Goethe ist für ihre langjährige Erfahrung in der Begabungsförderung bekannt. Warum nehmen Sie jetzt an der Initiative „Leistung macht Schule“ teil?

Ja, das haben wir Lehrkräfte uns anfangs auch gefragt, als unsere Schulleiterin die Initiative vorgestellt hat. Das war durchaus ein Diskussionspunkt. Eine Stärke der Initiative ist aber der diagnostische Blick auf die Kinder. Mit „Leistung macht Schule“ lernen wir besser festzustellen, welche Kinder in welchen Bereichen wie leistungsfähig sind. Das hat mir bei meiner Arbeit sehr geholfen. Im regulären Unterricht bemerke ich zwar, wenn ein Kind schöne Aufsätze schreibt oder besonders gut rechnet. Aber darüber hinaus eine wirkliche Leistungsstärke zu erkennen? Das ist nicht leicht. Gerade bei solchen Kindern, bei denen sich die Stärken nicht in Form von guten Noten oder Wortmeldungen niederschlagen. Unsere LemaS-Projektpartner von den Hochschulen diagnostizieren mit uns und geben uns unterschiedliche Strategien für eine gute Förderung der Kinder an die Hand. Das hat unser Kollegium überzeugt.

In Ihrem Projekt für „Leistung macht Schule“ üben Kinder im Fach Deutsch das selbstregulierte Lernen. Damit erkennen Lehrkräfte besser, wie leistungsfähig ihre Schülerinnen und Schüler sind. Wie geht das genau?

Wir probieren das selbstregulierte Lernen zunächst in einer Art Pilotprojekt aus, in unseren Expertenstunden. In dieser Zeit arbeitet eine Gruppe von sieben Kindern ein halbes Jahr lang eigenständig an selbst ausgewählten Themen. Die Expertenstunden sind nach einem Plan der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Universität Münster strukturiert: Über eine Mind-Map haben wir die Themen gefunden, für die sich die Kinder begeistern. Eine erste Recherche half uns dabei, die Bearbeitungsschwerpunkte auszuwählen. Eine Schülerin hat zum Beispiel die Geschichte der Kartoffel ausgewählt, weil sie so gern Kartoffeln isst. Anschließend hat sich jedes Kind eine eigene Präsentationsmethode (Wandzeitung/PowerPoint-Präsentation) für sein Thema überlegt und einen Vortrag vorbereitet.

Ihren Arbeitsprozess haben die Schülerinnen und Schüler mit einem Lerntagebuch begleitet und dabei erbringen sie wirklich erstaunliche Leistungen: Sie lernen zu recherchieren, sich zu organisieren und sich die Zeit einzuteilen. Sie üben vor einer Gruppe von Menschen zu sprechen und das eigene Thema möglichst anschaulich zu präsentieren. In diesem komplexen Prozess bemerken Lehrkräfte schnell, wo Kinder ihre besonderen Stärken haben, welche von ihnen das alles weitgehend allein schaffen und welche vielleicht noch etwas mehr Unterstützung brauchen.

Wie arbeiten Sie mit den Forscherinnen und Forschern an der Universität zusammen?

Am Anfang des Projekts ist Christoph Busch (Team von Professor Dr. Christian Fischer an der Uni Münster) zu uns gekommen und hat sich mit unserer Schulleiterin und den Lernbegleiterinnen für Begabungsförderung über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit ausgetauscht. Wir Lehrkräfte sind bei den Netzwerktreffen der Initiative und über Webinare mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Gespräch gekommen. Die Inhalte, die ich aus diesen Treffen mitgenommen habe, gaben mir die nötige Sicherheit für ein erfolgreiches Projekt. Bei Fragen konnten wir auch immer mit Frau Dr. Vohrmann (ebenfalls Team Professor Fischer) telefonieren.

Für die wissenschaftliche Auswertung unserer Projektarbeit haben wir gleich zu Beginn mit den Forscherinnen und Forschern einen Rechtschreib- und einen Hörverständnistest von den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern ausgewertet. Das werden wir nach der Projektlaufzeit noch einmal tun, um zu sehen, wie sich die Kinder durch das selbstregulierte Lernen entwickelt haben. Parallel zu meinem Kurs gibt es noch eine Vergleichsgruppe, die in derselben Zeit regulär unterrichtet wurde. Mit der Auswertung der Leistungen beider Gruppen können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann nachweisen, welche Unterrichtsform die Kinder langfristig weiterbringt. Der gemeinsamen Arbeit mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stand unser Kollegium zunächst kritisch gegenüber, aber die Arbeit mit der Uni Münster ist wider Erwarten durch und durch eine Arbeit auf Augenhöhe.

Wie würden Sie Ihre Rolle als Lehrerin in diesem Projekt beschreiben? Was sind ihre Aufgaben im Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis?

Zunächst einmal sehe ich mich als eine Lernbegleiterin, die das selbstregulierte Lernen einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern unterstützt. Bezüglich der Lerninhalte im Projekt bin ich eine Art Filter: Neben eigenen Arbeitsmaterialien nutze ich auch solche, die mir über die Cloud von „Leistung macht Schule“ zur Verfügung gestellt werden. Ich habe dort über 300 Texte mit Anleitungen zur Textarbeit gefunden. Darunter waren Quellenkarten besonders hilfreich. Mit ihnen konnte ich den Kindern genau zeigen, wo sie die wichtigen Informationen für ihr Thema finden und wie sie diese auswerten und nachweisen. Solche Recherchen machen wir ja sonst gar nicht in der Grundschule und ich war froh, hier Unterstützung zu erhalten.

Manche Materialien musste ich für meine Grundschulklasse abwandeln. Zum Beispiel wussten meine Kinder noch gar nicht, wie sie mit dem Programm PowerPoint umgehen sollten. Ich brauchte also mehr Zeit und andere Erklärungsansätze, um sie an das Programm heranzuführen. Diese abgewandelten Materialien werde ich demnächst über die Cloud anderen interessierten Lehrkräften zur Verfügung stellen. Außerdem werde ich die Rückmeldung geben, dass ein so umfangreiches Unterrichtsprojekt an der Grundschule länger dauert als ein halbes Jahr. Letztlich bin ich also auch eine Mitgestalterin, die Arbeitsmaterialien erprobt, anpasst und Bewährtes weitergibt.

Welche Strategien haben Sie aufbauend auf diesen Materialien neu eingeführt?

Unser Lerntagebuch. Mit diesem Instrument organisieren sich die Kinder innerhalb ihrer Projektarbeit. Vorn enthält es einen Wochenplan, worin die Schülerinnen und Schüler ihre Schulstunden, ihre Hobbies und Aktivitäten notieren. So erkennen sie, wann sie überhaupt Zeit für Ihre Projektarbeit haben. Mit einem Projektplan behalten sie die Zeit und ihre Aufgaben im Blick. Und dann gibt es im Lerntagebuch noch Wochenziele, mit denen die Kinder planen, wie sie ihre Vorhaben in Einzelschritten umsetzen. Damit können sie außerdem überprüfen, wie weit sie gekommen sind. In den meisten Fällen schätzen sich die Kinder dabei sehr realistisch ein.

Auch Redestrategien konnten wir neu einführen. Wir haben uns gefragt, wie wir einen Vortrag aufbauen: Stelle ich mich vor und sage wer ich bin? Erkläre ich, warum ich mein Thema gewählt habe? Wie kann ich einen Vortrag so gestalten, dass er auch interessant für mein Publikum ist? Diesbezüglich hat uns das LISA, also unser Institut für Schulqualität und Lehrerbildung in Sachsen-Anhalt, sehr gut geholfen. Von dort erhielten wir einen Redekompass, der wie ein Fächer aufgebaut ist. Von der Vorbereitung bis zur Durchführung und Auswertung eines Vortrags gibt er ganz tolle Anleitungen.

Wo stehen die am Projekt teilnehmenden Kinder derzeit und wie würden Sie ihre Reaktionen auf das selbstregulierte Lernen beschreiben?

Wir sind jetzt in der Abschlussphase. Heute Nachmittag ist es so weit: Bei unserer Präsentation werden alle Schülerinnen und Schüler ihre Vorträge vor ihren Eltern und den Lehrkräften halten. Ich freue ich mich riesig über das große Interesse. Die Kinder haben sich diesen Vortragsrahmen gewünscht. Also habe ich unseren Raum geschmückt und ein kleines Buffet aufgebaut. Die Probe für diesen Tag ist schon richtig gut verlaufen.

Die einzelnen Reaktionen der Kinder sind mehr als beeindruckend: Letzte Woche habe ich eine Mutter getroffen, die gar nichts von unserem Projektverlauf wusste, weil ihre Tochter offenbar alles komplett allein vorbereitet hat. Sie hält eine PowerPoint-Präsentation über den Balletttanz. Dabei wird sie ihr Ballettkostüm anziehen und sogar klassische Schritte vortanzen. Die Probe dazu war umwerfend! Und ein schüchternes Mädchen, deren Mutter davon überzeugt war, dass ihre Tochter sich nie trauen würde etwas zu sagen, hat bei der Probe ziemlich überrascht: Ihre Mimik und Gestik waren so stimmig, ihre an die Zuhörenden formulierten Fragen so toll, dass alle hellauf begeistert waren. Daraus kann sie ganz viel Selbstbewusstsein für die Zukunft ziehen.

Natürlich musste ich die Kinder ab und zu motivieren und manchmal habe ich auch daran gezweifelt, dass all meine Schützlinge bis zur Präsentation fertig werden. Aber spätestens bei unserer Probe war völlig klar, dass die Kinder weit über sich hinausgewachsen sind. Selbst ein Kind, dessen Arbeitsprozess für mich nicht gut durchschaubar war, weil es wenig dokumentiert hatte, hat einfach alles im Kopf behalten und sein Thema so großartig dargestellt, dass ich schlucken musste.

Das klingt toll. Und wie geben Sie Ihre guten Erfahrungen an Ihre Kolleginnen und Kollegen weiter?

Heute kommen erstaunlich viele Lehrkräfte zur Abschlusspräsentation. Alle wollen sehen, wie sich die Kinder entwickelt haben. Im nächsten Schuljahr werden die am Projekt teilnehmenden Schülerinnen und Schüler Multiplikatoren für ihre Klassen sein. Sie wissen ja jetzt am besten, wie die Expertenstunden und das selbstregulierte Lernen funktionieren. Über sie kommt das Format zu den Klassenlehrerinnen und -lehrern. So stellen wir es uns zumindest vor. Ob das gut umzusetzen ist, werden wir sehen.

Worüber freuen Sie sich bei Ihrer Arbeit am meisten?

Ich versuche meine Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen. Deshalb finde ich es toll, wenn sie eigenständig Texte markieren und interessante Aspekte darin finden, wenn sie also gemeinsam Erlerntes anwenden. Oder wenn meine Schülerinnen und Schüler den Kinderduden nutzen, weil sie zum Beispiel nachschlagen möchten wie ein Wort in der Mehrzahl richtig geschrieben wird, darüber freue ich mich.

Frau Cherubim, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Daniela Cherubim

In Wernigerode geboren hat Daniela Cherubim am Institut für Lehrerbildung in Magdeburg Deutsch, Mathe, Sachkunde und Schulgarten studiert. Ihr Großes Schulpraktikum absolvierte sie an einer Grundschule in Magdeburg. Über ein zunächst privates Interesse an der Begabungsförderung – eines ihrer beiden Kinder ist leistungsstark – kam sie an die Grundschule Goethe in Halberstadt und trägt dort seit zehn Jahren dazu bei, dass potenziell leistungsfähige Kinder erkannt und entsprechend gefördert werden.