Das selbstregulierte, forschende Lernen als Unterrichtskonzept an andere Schulen weitergeben

Lehrerin Sarah Peters aus Rheinland-Pfalz und Doktorin Anne Vohrmann von der Universität Münster sprechen darüber, welche Vorteile das selbstregulierte Lernen hat und wie sie ihr Wissen darüber an viele Schulen weitergeben.

Schülergruppe

Schülerinnen und Schüler erarbeiten sich selbst gewählte Themen.

Halfpoint / Adobe Stock

Frau Peters und Frau Doktorin Vohrmann, für „Leistung macht Schule“ haben Sie Strategien und Unterrichtsmaterialien für das selbstregulierte Lernen weiterentwickelt und erprobt. Nun verstetigen Sie diese Art zu Lernen an der eigenen Schule. Gleichzeitig geben Sie Ihr Konzept an interessierte Schulen weiter, damit auch diese ihre Schülerinnen und Schüler individueller fördern können.

Frau Peters, was erhoffen Sie sich vom selbstregulierten Lernen für Ihre Schule?

Peters: An unserer integrierten Gesamtschule gibt es sowohl Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf als auch solche mit besonderer Leistungsstärke. Alle haben ganz verschiedene Hintergründe. Mit dem selbstregulierten Lernen können wir jede und jeden Einzelnen genau da abholen, wo er oder sie gerade steht. So fördern wir die Kinder und Jugendlichen viel gezielter und sie können sich freier entfalten. Denn in jedem Kind stecken Potenziale und Fähigkeiten, die es zu entdecken und zu fördern gilt.

Das diFF-Projekt für ein selbstreguliertes, forschendes Lernen

Im diFF-Projekt (diFF - diagnosebasiertes individualisiertes Fordern und Fördern) haben Lehrkräfte und Forschende Strategien und Materialien entwickelt, mit denen Potenziale von Kindern und Jugendlichen entdeckt und ihre Fähigkeit zum eigenständigen Forschen und Lernen gefördert werden können. Für diese Art von Unterricht begleiten die Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler, aber sie dozieren nicht.
Das Wichtigste ist, dass Schülerinnen und Schüler sich ein Thema oder eine Fragestellung frei aussuchen, welche/s sie in den nächsten Monaten bearbeiten wollen. Zum gewählten Thema wird recherchiert, geforscht, dokumentiert und am Ende vor einem Publikum präsentiert.

Das diFF-Konzept ist dreigeteilt: Mit einer potenzial- und prozessorientierten Diagnostik werden die Lernausgangslagen und Potenziale der Einzelnen ermittelt. Darauf aufbauend forschen und lernen die Schülerinnen und Schüler individuell und interessensgeleitet. Dadurch sind sie motivierter und erzielen Erfolge. Diese werden in den Dokumentationen und Produkten, vor allem aber am Ende in der öffentlichen Präsentation sichtbar. Die Lernformate und -materialien sind individuell anpassbar.

Wie setzen Sie das selbstregulierte Lernen an Ihrer Schule ein?

Peters: Im Moment mit einem Drehtürmodell in der sechsten und siebten Klasse. Das heißt, einzelne Schülerinnen und Schüler verlassen ihren Regelunterricht und gehen für zwei Stunden in der Woche in eine „Leistung macht Schule“-Stunde. Dort forschen sie frei an einem Thema ihrer Wahl und bereiten eine Präsentation vor. Dabei werden sie mit dem Material angeleitet, das wir gemeinsam mit dem Team der Uni Münster im „diFF-Projekt“ entwickelt haben.

Und was passiert in der „Leistung macht Schule“-Stunde genau?

Peters: Zunächst beraten wir die Schülerinnen und Schülern bei der Auswahl ihres Themas und unterstützen sie bei der Informationsrecherche. Die Art der Dokumentation können die Kinder frei wählen: Manche schreiben eine Expertenarbeit, andere erstellen Plakate, Präsentationen, Podcasts, Drehbücher oder sogar Gesellschaftsspiele. Zum abschließenden Präsentationsnachmittag werden die Schülerschaft und ihre Familien sowie das Kollegium eingeladen. Dann stehen die jungen Expertinnen und Experten ganz stolz vor ihrem Publikum und referieren über ihr Herzensthema.

Wie sorgen Sie dafür, dass das selbstregulierte Lernen an Ihrer Schule langfristig verankert wird?

Peters: Wir haben das Drehtürmodell im Stundenplan fest verankert und werden es bald auch in den zehnten Jahrgang ausweiten, dann aber explizit für Schülerinnen und Schüler, die sich auf die Oberstufe vorbereiten.

Das gelingt uns dank unserer engagierten Schulleitung, denn es geht ja letztlich um unser Schulentwicklungskonzept, in das der „Leistung macht Schule“-Baustein integriert wird. So können Lehrpersonen, Eltern und natürlich auch unsere Schülerinnen und Schüler besser erkennen, dass das selbstregulierte Lernen sinnvoll ist und daran mitwirken, dass sich unsere Art des Unterrichts verändert.

Vohrmann: An der IGS An den Rheinauen unterstützen neben Sarah Peters und vielen weiteren Kolleginnen und Kollegen auch die didaktische Leiterin und der Schulleiter die Projektumsetzung. Beide waren bei wichtigen Treffen immer dabei. Aus meiner Perspektive hat das sehr dabei geholfen, das selbstregulierte Lernen im Sinne der Schulentwicklung gut an dieser Schule zu verankern.

Wie geben Sie Ihr Wissen im Kollegium weiter?

Peters: An unseren Studientagen habe ich schon mehrmals Workshops zum selbstregulierten Lernen angeboten. Zunächst waren wir nur eine kleine Arbeitsgruppe, aber dadurch, dass wir das Drehtürmodell nun in immer mehr Jahrgangsstufen einführen, kommen weitere Kolleginnen und Kollegen und Schülerinnen und Schüler hinzu.

Integrierte Gesamtschule (IGS) An den Rheinauen

Die vierzügige IGS An den Rheinauen liegt in Oppenheim (Rheinland-Pfalz). An ihr sind die Bildungsgänge der Realschule Plus und des Gymnasiums vereint. Alle Kinder werden gemeinsam unterrichtet. Dadurch wird nicht nur das individuelle, sondern auch das soziale Lernen angeregt. Das Motto der Schule ist: „Wir. Bunt. Stark. Offen für die Welt!“. Ob ein Kind Berufsreife, den qualifizierten Sekundarabschluss I oder die allgemeine Hochschulreife erreicht, entscheidet sich im Verlauf von vier bis sechs Jahren. Mehr Informationen zur Schule finden Sie auf ihrer Website.

Auf welche Momente bei „Leistung macht Schule“ freuen Sie sich besonders?

Peters: Auf die Präsentationsnachmittage, an denen bald auch die Schülerinnen und Schüler der höheren Jahrgangsstufen zeigen können, wie sie bei der Recherche über ein selbst gewähltes Thema über sich hinauswachsen. Es ist so schön zu erleben, wie glücklich die Kinder und Jugendlichen über ihre Leistung sind.

Vohrmann: Mir ist es wichtig zu zeigen, dass die Förderung aller Schülerinnen und Schüler sinnvoll ist. Es macht mir große Freude, die Interessen, die Begabungen, die Kreativität und die Hartnäckigkeit zu beobachten, mit der Schülerinnen und Schüler an ihren eigenen Themen arbeiten. Ich lerne jedes Jahr so viel von den Präsentationstagen, an denen ich teilnehmen darf. Mich faszinieren die Fragen, die sich Kinder und Jugendliche stellen und bearbeiten: Warum finden wir Tierkinder so süß? Warum schmecken Zitronen sauer? Was ist die Aufgabe von weißen Blutkörperchen? Es ist so toll, solch spannende Themen erklärt zu bekommen.

Das Wissen und die Erfahrungen von „Leistung macht Schule“ werden nun an viele Schulen weitergegeben. Was genau geben Sie weiter?

Vohrmann: Ein Konzept zur Förderung des selbstregulierten, forschenden Lernens. Damit können Lernstrategien trainiert und Interessen, Begabungen und Lernkompetenzen erweitert werden. Unser Konzept basiert auf einer diagnosebasierten Förderung und einer förderbasierten Diagnose.

Peters: Wir haben die Lernstrategien und Materialien an unserer Schule nicht nur angewendet, sondern von Anfang an mitgestaltet. Wir haben getestet, welche Vorgehensweisen des selbstregulierten Lernens gut funktionieren und welche nicht – und sie für unsere Schülerinnen und Schüler angepasst. Dieses Wissen geben wir nun weiter.

Frau Peters, die IGS an den Rheinauen ist zur Multiplikatorschule und Sie sind zur Multiplikatorin geworden. Was bedeutet das?

Peters: Als Multiplikatorschule zeigen wir den interessierten Lehrpersonen anderer Schulen – zum Beispiel bei Hospitationen an unserer Schule – wie wir das selbstregulierte Lernen umsetzen. Wir erklären genau, wie das gelingen kann und was es den Schülerinnen und Schülern sowie der gesamten Schulgemeinschaft bringt.

Als Multiplikatorin gebe ich meine persönliche Expertise zur individuellen Förderung im Unterricht und mein – ich nenne es mal Herzblut – an die Schulen weiter, die jetzt neu zur Initiative hinzukommen. Das Material, das wir in den letzten Jahren gestaltet haben, kann und soll für jede Schule individuell angepasst werden. Dabei unterstütze ich die „neuen“ Lehrerinnen und Lehrer mit meiner Erfahrung.

Vohrmann: Für den Transfer in „Leistung macht Schule“ arbeiten Multiplikatoren-Teams zusammen, die aus Lehrpersonen und Vertreterinnen und Vertretern aus Landesinstituten bestehen. Als Projekterfahrene können sie gut auf Fragen zur Umsetzung von Seiten der neu hinzukommenden Schulen eingehen und die praktische Sicht auf die Dinge darstellen. Das ist eine besondere Stärke des Multiplikator-Systems.

Wie geben Sie Ihr erworbenes Wissen an die Lehrpersonen weiter, die das Konzept noch nicht kennen?

Vohrmann: Über eine vielseitige Netzwerkarbeit, an der Lehrerinnen und Lehrer und Forschende mitwirken. Zuletzt haben wir den Auftakt für unsere Netzwerkarbeit in Form eines großen Workshop-Tags in Rheinland-Pfalz veranstaltet, bei dem sich die Multiplikatorschulen mit den neu hinzugekommenen Schulen getroffen haben. Im Workshop haben Sarah Peters und Joachim Pritzkat vom Gymnasium Kirn das diFF-Konzept und die Materialen sowie die dafür nötige Organisationsstruktur genau erklärt. Außerdem haben die beiden einen Fragebogen entworfen, der an diesem Tag den Bedarf und die Interessen der neuen Lehrpersonen genau abgefragt hat. Den haben wir dann gemeinsam bearbeitet.

Wie können wir uns den Workshop-Tag genau vorstellen?

Vohrmann: Dafür hat das Multiplikatoren-Team Vortragsfolien und Anschauungsmaterial zum selbstregulierten Lernen vor 32 Schulen präsentiert. Bei der Vorbereitung der Inhalte haben wir von der Uni Münster die beiden unterstützt. Der Foliensatz hat mehrere Runden zwischen uns gedreht.

Gastgeberin war die Hunsrückschule in Simmern, die auch spannende Einblicke in ihre Schulstruktur gegeben hat. Für dieses Treffen haben also engagierte Menschen aus vielen Institutionen zusammengearbeitet. Die Atmosphäre war sehr offen und ich habe eine starke Bereitschaft zum Loslegen gespürt.

Porträt Peters

Sarah Peters während ihres Vortrags am Workshop-Tag.

Sarah Peters

Das klingt nach einer sehr großen organisatorischen Aufgabe.

Peters: Die Vorbereitung muss gut Hand in Hand laufen und die Einladungen sollten detailliert geschrieben sein, damit alle wissen, was auf sie zukommt. Von uns hatten die Lehrpersonen im Vorhinein eine Hausaufgabe bekommen: Sie sollten sich mit dem Grundgerüst des selbstregulierten Lernens auseinandersetzen, damit sie zum Workshop direkt mit spezifischen Fragen anreisen konnten.

Wie waren Ihre Eindrücke von diesem Tag?

Vohrmann: Für mich war es sehr beeindruckend zu sehen, wie das, was einmal in den Köpfen von Lehrpersonen und Forschenden entstanden ist, sehr professionell und kompakt weitergegeben wurde. Neben den Schulleitungen und Lehrpersonen waren die Leiterinnen des Begabungsbüros in Rheinland-Pfalz, die Leitung der schulpsychologischen Beratungsstelle und das Team für Begabten- und Hochbegabtenförderung aus dem Landesministerium anwesend. Für mich war das ein Zeichen für den Stellenwert, den „Leistung macht Schule“ bei den Bildungsverantwortlichen hat und zugleich wichtig für die Akzeptanz bei den Lehrerinnen und Lehrern.

Peters: Die Lehrpersonen waren unglaublich interessiert und haben vor allem Fragen zur Umsetzung gestellt: Wie verankert ihr das individuelle Lernen im Stundenplan? Wie setzt ihr es organisatorisch um? Wen muss man mit ins Boot holen? Bei den Antworten haben wir sehr von unserer Erfahrung profitiert: Wir konnten auch von Situationen berichten, die bei uns zunächst nicht gut gelaufen sind. Diese Schwierigkeiten werden die anderen sicher nicht mehr haben.

Frau Vohrmann, welche Rolle hatten Sie am Workshop-Tag?

Vohrmann: Ich war vor allem beobachtend vor Ort. Außerdem habe ich einen Forschungsauftrag: Ich untersuche, wie der Transfer von Wissen funktioniert, wenn er von Lehrerinnen und Lehrern im Netzwerk gestaltet wird.

Welche Aufgaben stehen bei Ihnen als nächstes an?

Vohrmann: Im nächsten Schuljahr werden die neu hinzugekommenen Schulen ein eigenes Projekt zum selbstregulierten Lernen umsetzen. Entweder mit einer ganzen Klasse oder über das Drehtürmodell. Auch dabei werden sie von unserem Multiplikatoren-Team unterstützt werden.

Peters: Wir werten gemeinsam mit der Uni Münster den Fragebogen zum Workshop aus. Er hilft uns dabei zu entscheiden, wie genau wir mit den interessierten Schulen weiterarbeiten. Und wir werden weiterhin Hospitationen ermöglichen, damit Lehrerinnen und Lehrer das selbstregulierte Lernen bei uns erleben können. Wir sind davon überzeugt, dass sich die viele Arbeit und der Einsatz für unsere Schülerinnen und Schüler lohnt. Diese Einstellung möchten wir unbedingt weitergeben. Schule sollte ein Ort sein, an dem Lernerfolge für alle sichtbar werden.

Frau Peters, Frau Doktorin Vohrmann, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Lehrerin Sarah Peters

Sarah Peters hat Geographie und Französisch an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Ihr Referendariat absolvierte sie am Otto-Schott-Gymnasium ebendort. Seit 2016 ist sie Lehrerin an der IGS An den Rheinauen Oppenheim. Sie leitet und koordiniert das diFF-Projekt für „Leistung macht Schule“ und arbeitet aktiv an der Schulentwicklung mit. Seit 2023 ist Sarah Peters außerdem Hospitationsbeauftragte. In ihrer Tätigkeit als Lehrerin ist ihr ein wertschätzender und offener Umgang mit allen Beteiligten wichtig, so dass sich jede und jeder entsprechend ihrer/seiner Fähigkeit entfalten und gut lernen kann.

Wissenschaftlerin Dr. Anne Vohrmann

An der Universität Münster hat Anne Vohrmann die Fächer Mathematik, Englisch, Erziehungswissenschaften und Deutsch für das Lehramt an Grundschulen studiert. Sie hat mehrere Jahre am Internationalen Centrum für Begabungsforschung in Münster gearbeitet und ist mit einer Dissertation zur Erprobung eines Motivationstrainings für Underachiever in Kleingruppen promoviert worden. Seit 2018 ist sie als Projektkoordinatorin für „Leistung macht Schule“ für die Teilprojekte adaptive Formate potenzial- und prozessorientierter Diagnostik und selbstreguliertes und diversitätssensibles Lernen aktiv.