Wie die zentrale LemaS-Plattform Lehrpersonen, Schulen und Projekte unterstützt
… das beschreiben der Lehrer Johannes Woitschell und der Wissenschaftler Felix Blumenstein am Beispiel der Personalisierten Entwicklungsplanung (PINEO). Mit den dazugehörigen Kursen können neue Lehrpersonen schnell inhaltlich einsteigen. Die Workspaces für die verschiedenen Netzwerke ermöglichen zusätzlich eine konstruktive und effiziente Zusammenarbeit.

Kommunikationsmaterial zur LemaS-Plattform für die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren
Forschungsverbund LemaS-Transfer
In der ersten Phase von „Leistung macht Schule" haben uns Ihre Kollegen und eine Lehrerin bereits Einblicke zum Arbeiten mit Personalisierter Entwicklungsplanung gegeben. Deshalb bitte hier sehr kurz. Herr Blumenstein, was ist Personalisierte Entwicklungsplanung?
Blumenstein: Um Schülerinnen und Schüler individuell möglichst effizient und zielgerichtet neben dem klassischen Unterricht zu fördern, nutzen Lehrpersonen die Personalisierte Entwicklungsplanung. Das Ziel ist, dass alle Schülerinnen und Schüler ihre Potenziale entdecken und entwickeln können. Mit dem PINEO-Konzept schaffen wir eine Struktur, die Lehrpersonen systematisch unterstützt. Die Kinder und Jugendlichen werden einzeln in den Blick genommen und individuell begleitet. Im Team von Christian Herbig an der Universität Leipzig haben wir zusätzlich ein digitales Begleittool geschaffen, die PINEO-App. Mit dieser können sehr einfach alle Schritte dokumentiert werden, sodass auch Kolleginnen und Kollegen jederzeit nachsehen können, wer bereits welche Förderung bekommen hat.
„Mit den Transferschulen zusammenzuarbeiten, ist auch für uns als „altgediente“ Schule sehr spannend. Wir lernen sehr viel aus der Umsetzung an den verschiedenen Transferschulen.“
Johannes Woitschell, Lehrer
Herr Woitschell, Sie kennen das Konzept bereits aus der ersten Phase von „Leistung macht Schule". Wie setzen Sie es für Ihre Schülerinnen und Schüler ein?
Woitschell: Wir haben es bisher für potenziell leistungsstarke Schülerinnen und Schüler genutzt. Wir haben die angesprochen, die durch besonders gute Leistungen aufgefallen sind. Von einzelnen Jugendlichen wurden wir auch aktiv angesprochen. Wie vorgesehen, haben wir das Konzept in Zyklen durchgeführt. Innerhalb des ersten Zyklus sprechen wir die Schülerin beziehungsweise den Schüler an und organisieren ein Treffen, in manchen Fällen auch mit den Eltern. Wir klären, was gefördert werden soll, wählen passende Maßnahmen und reflektieren abschließend, ob die Maßnahmen zum Ziel geführt haben.
Eine Achtklässlerin zum Beispiel wollte ihr Englisch verbessern. Im ersten Zyklus hat sie zusätzliche Lektüren gelesen, im zweiten mit einem Tandempartner zusammengearbeitet und im dritten haben wir einen Schüleraustausch und eine Sprachreise für sie organisiert.
Wie haben Sie die Kolleginnen und Kollegen an Ihrer Schule eingebunden?
Woitschell: Wir haben das gesamte Kollegium in Lehrerkonferenzen zum PINEO-Konzept geschult. Lehrpersonen, die darüber hinaus auf mich zukommen, begleite ich individuell beim Einstieg. Unterstützt durch die Materialien, die online zur Verfügung stehen, sind alle in der Lage, Schülerinnen und Schüler in diesem Konzept zu fördern und dies in der PINEO-App zu dokumentieren. Die Dokumentation der absolvierten Zyklen ist besonders hilfreich, wenn Klassen übergeben werden und Lehrkräfte wechseln.
Als Multiplikator für PINEO teilen Sie Ihr Wissen nun mit in der zweiten Phase hinzugekommenen Transferschulen. Wie arbeiten Sie mit diesen Schulen zusammen?
Woitschell: Wir treffen uns in Baden-Württemberg regelmäßig mit den Transferschulen im Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung, das die Treffen auch organisiert. Forschende von der Uni Leipzig erklären den theoretischen Hintergrund und ich bringe Praxisimpulse ein: Wie setzt man PINEO konkret an der eigenen Schule um und was sind unsere Erfahrungen damit.
Von den vier Transferschulen in meinem Netzwerk kommt jeweils ein Team aus zwei bis drei Lehrpersonen. An ihren Schulen organisieren sie dann den schulinternen Transfer. Auch dabei berate ich sie. Ein erstes Ziel ist, dass alle Lehrpersonen der Schule ein Erstgespräch zu PINEO führen können. Mit den Transferschulen zusammenzuarbeiten, ist auch für uns als „altgediente“ Schule sehr spannend. Wir lernen sehr viel aus der Umsetzung an den verschiedenen Transferschulen.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von „Leistung macht Schule“ haben eine Onlineplattform für den Transfer aufgebaut. Herr Blumenstein, welche Möglichkeiten bietet die LemaS-Plattform?
Blumenstein: Auf der Plattform gibt es Kurse und sogenannte Workspaces. Die Anwendungskurse vermitteln ganz gezielt das Wissen, das alle Lehrpersonen brauchen, um loszulegen, in unserem Fall, um mit PINEO loszulegen.
„Workspaces und Kurse funktionieren am besten in Kombination. Ich lerne Inhalte in einem Kurs, wende das Wissen praktisch an und reflektiere das Angewendete im eigenen Kollegium oder eben in einem Workspace mit Kolleginnen und Kollegen des eigenen Schulnetzwerks.“
Felix Blumenstein, Wissenschaftler
Darüber hinaus gibt es Vertiefungskurse. Diese richten sich an Lehrpersonen, die tiefer einsteigen wollen oder an ihrer Schule die Kolleginnen und Kollegen beim Einsatz von PINEO unterstützen. Wir Forschende und auch die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren arbeiten nie direkt mit dem gesamten Kollegium einer Schule zusammen. Sondern wir arbeiten, wie Herr Woitschell das beschrieben hat, mit zwei, drei ausgewählten Lehrpersonen einer Schule. Diese werden nicht nur in der Anwendung geschult, sondern auch darin, das Kollegium an der eigenen Schule anzuleiten. Sie nehmen die Rolle von schulischen Expertinnen und Experten ein.

Einblicke in das Angebot zu PINEO auf der LemaS-Plattform
Forschungsverbund LemaS-Transfer

Einblicke in das Angebot zu PINEO auf der LemaS-Plattform
Forschungsverbund LemaS-Transfer

Einblicke in das Angebot zu PINEO auf der LemaS-Plattform
Forschungsverbund LemaS-Transfer
Aus den Inhalten und Erkenntnissen der ersten Phase haben wir die Anwendungs- und Vertiefungskurse entwickelt. Aktuell arbeiten wir daran, die Erkenntnisse, die wir bei der Ausbildung der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu Beginn der zweiten Phase gesammelt haben, in die Multiplikationskurse zu gießen. Die Multiplikationskurse richten sich an Personen, die Transferschulen das PINEO-Konzept nahebringen werden. Diese Kurse vermitteln die theoretischen Konzepte und worauf ich achten muss, wenn ich andere dabei begleite einzusteigen und zu schulischen Expertinnen und Experten zu werden.
„Mithilfe der LemaS-Plattform kann ich deutlich effektiver mit den Lehrpersonen der Transferschulen zusammenarbeiten.“
Johannes Woitschell, Lehrer
Und für wen sind die Workspaces gedacht?
Blumenstein: In den Workspaces findet auf zwei Ebenen Austausch statt. Zum einen gibt es die Workspaces, die den Inhaltsclustern direkt zugeordnet sind, in denen die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sich untereinander und mit den Forschenden des jeweiligen Inhaltsclusters austauschen. Die Treffen werden meist monatlich organisiert. Sie dienen als bundesweiter, länderübergreifender Expertenaustausch. Wir bauen hier ganz gezielt eine Community auf, weil wir wissen, dass in der Multiplikationsarbeit Austausch und Supervision sehr wichtig sind.
Zum anderen gibt es Schulnetzwerk-Workspaces, die meist lokal durch die Landesinstitute oder Qualitätseinrichtungen der Länder organisiert werden. Dort treffen sich die Lehrpersonen von den Transferschulen mit den jeweiligen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.
Workspaces und Kurse funktionieren am besten in Kombination. Ich lerne Inhalte in einem Kurs, wende das Wissen praktisch an und reflektiere das Angewendete im eigenen Kollegium oder eben in einem Workspace mit Kolleginnen und Kollegen des eigenen Schulnetzwerks.
Herr Woitschell, wie nutzen Sie die Plattform?
Woitschell: Die Plattform bietet für uns aus der Praxis eine große Entlastung. Ich kann als schulischer Experte an meiner Schule über die Kurse sehr effizient die Kolleginnen und Kollegen schulen, besonders neu hinzugekommene.
Überschulisch, als Multiplikator, verweise ich ebenfalls auf die Kurse. Zusätzlich nutze ich die Workspaces. Auch damit werde ich entlastet. Mithilfe der LemaS-Plattform kann ich deutlich effektiver mit den Lehrpersonen der Transferschulen zusammenarbeiten. Sowohl im regionalen Netzwerk mit meinen Transferschulen als auch im länderübergreifenden Austausch mit den anderen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sind die Workspaces zentral. Es ist sehr hilfreich, dass dort alles Technische bereits geklärt ist: Wir können nun einfach eine Onlinekonferenz machen und die bereitgestellten kollaborativen Tools nutzen. Ein für die Lehrpersonen sehr wichtiger Aspekt ist auch, dass die Workspaces datenschutzkonform sind.
Die digitale Verfügbarkeit der Kurse, der Materialien und auch der in den Workspaces erarbeiteten Ergebnisse unterstützt uns nachhaltig.
Herr Blumenstein, wie arbeiten denn insgesamt gesehen die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mit den Transferschulen über die Plattform?
Blumenstein: Wie die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mit den Transferschulen arbeiten, wird in erster Linie vom jeweiligen Land gesteuert. Da unsere Plattform in ihrer jetzigen Form noch nicht so lange existiert und noch weiterentwickelt wird, nutzen die Landesbehörden und -institute teilweise noch eigene technische Systeme für den Transfer von „Leistung macht Schule“. Wir werben dafür, dass sie auch auf die gemeinsame Plattform kommen.
Die zentralen landesübergreifenden Onlinetreffen der Inhaltscluster, in denen sich die Forschung und die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren austauschen, sind auf unserer Plattform sehr gut etabliert.
Wie geht es auf der Plattform weiter?
Blumenstein: Aktuell sind wir in einer spannenden Phase. Wir versuchen jetzt möglichst viele der verschiedenen Akteurinnen und Akteure auf die Plattform zu holen und dort ins Arbeiten zu bringen. Bei so einem großen Verbund mit so vielen Ebenen ist das keine einfache Aufgabe. Dafür muss man viele kommunikative Wellen fahren und immer wieder neue Konzepte einsetzen, um wirklich alle Personen zu erreichen.
Schon in den aktuellen Entwicklungsstand der Plattform ist das Feedback unserer Nutzerinnen und Nutzer eingeflossen und wir entwickeln sie mit einem externen Partner stetig weiter. Die Plattform basiert auf Moodle. Um jedoch unsere Workspaces mit allen gewünschten Eigenschaften umsetzen zu können, mussten wir ein eigenes Kursformat entwickeln lassen.

Unsere Gesprächspartner: Der Lehrer Johannes Woitschell vom Störck-Gymnasium, Bad Saulgau, und der Wissenschaftler Felix Blumenstein von der Universität Leipzig.
keine Angabe gewünscht; Khalil Al-Masarweh
Sie dürfen sehr gespannt sein, was in diesem Jahr noch hinzukommt. Es wird noch einmal ein ganzes Stück schicker, strukturierter und intuitiver bedienbar werden. In den nächsten Schritten werden wir auch die Anbindung an bundesweite Bildungsinfrastruktur in Angriff nehmen. Dann sollen sich alle Lehrpersonen direkt mit ihrem VIDIS-Login über Single Sign-on auf unserer Plattform anmelden können. Ein Anschluss an den Content-Hub Sodix ist ebenfalls geplant. Dann wird es möglich sein, Materialien über die Plattform hinaus in andere Systeme zu verteilen.
Wir sehen in der allgemeinen Entwicklung aber auch, dass Materialien als solche und das Sammeln von Materialien weniger bedeutsam werden. Bisher waren häufig umfangreiche Material-Plattformen das Ziel. Entwicklungen wie generative KI zeigen allerdings, dass es immer wichtiger wird, über Prozesswissen zu verfügen und zu wissen: Wie wende ich Dinge an? Was sind Qualitätsstandards? Worauf muss ich achten? Wie tausche ich mich mit anderen Akteurinnen und Akteuren aus der Praxis dazu aus? Dann werde ich irgendwann in der Lage sein, zum Beispiel Materialien schnell zu entwickeln, viel schneller als heute. Wir haben jetzt hier die Chance, eine professionelle Community aufzubauen und ihr eine Plattform zu bieten, die dabei unterstützt, genau dieses Prozesswissen aufzubauen.
Herr Woitschell, Herr Blumenstein, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Kurzbiografien
Wissenschaftler Felix Blumenstein
Felix Blumenstein arbeitet am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik der Universität Leipzig. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die individuelle Förderung durch digitale Medien sowie die digitale Transformation von Bildungsinstitutionen. Seit 2023 ist er Projektkoordinator für „Leistung macht Schule“ mit dem Arbeitsbereich „Digitalisierung von Lehr-/Lernwelten“. Zuvor war er Projektmitarbeiter im Teilprojekt „Individuelle Förderung mit Personalisierter Entwicklungsplanung” von „Leistung macht Schule“.
Seit 2014 ist Felix Blumenstein als freiberuflicher Dozent zum Thema „Bildung digitalisieren – Schule transformieren“ tätig. Er gibt regelmäßig Fortbildungen zur digitalen Unterrichtsgestaltung und begleitet Schulen bei ihrem digitalen Wandel. Er hat als Lehrkraft in der Erwachsenenqualifikation EDV-Schulungen gegeben und ein Lernmanagementsystem implementiert. Studiert hat er Lehramt in den Fächern Informatik sowie Wirtschaftslehre und Recht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Lehrer Johannes Woitschell
Johannes Woitschell unterrichtet am Störck-Gymnasium in Bad Saulgau die Fächer Mathematik, Sport und Medienbildung. Er ist dort seit 2018 zuständig für die Entwicklung und Umsetzung der Personalisierten Entwicklungsplanung (PINEO). Seit 2022 ist er als landesweiter Multiplikator in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig und dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung des Landes Baden-Württemberg tätig. Er hat in München studiert und gearbeitet.