„Leistung macht Schule“-Jahrestagung 2020: „Begabungen erkennen – Potenziale entfalten – Persönlichkeit entwickeln“

Rund 600 Lehrkräfte, Forschende und Verantwortliche aus der Bildungspolitik trafen sich in diesem Jahr online, um sich – trotz Corona-Pandemie – über die bestmögliche Förderung junger Talente auszutauschen und die gemeinsame Arbeit fortzuführen. Nach zweieinhalb Jahren Projektlaufzeit zogen die Beteiligten eine erste positive Zwischenbilanz zur Wirkung der Initiative.

Screen aus der Online-Konferenz

Bildschirmfoto der abschließenden virtuellen Podiumsdiskussion

LemaS-Forschungsverbund

„Nur gemeinsam sind wir stark!“ Mit diesem Aufruf eröffnete Professorin Gabriele Weigand als Leiterin des Forschungsverbunds die Jahrestagung von „Leistung macht Schule“. Dass diese trotz der Corona-Pandemie stattfinden konnte, ist einem starken Organisationsteam um Professor Heinz-Werner Wollersheim in Leipzig zu verdanken, das ein sehr umfangreiches Programm online umsetzte – und das fast reibungslos.

Für Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, liegt die Stärke von „Leistung macht Schule“ in der Gemeinschaft: Bund, Länder, Schulen und Wissenschaft treffen sich regelmäßig und bringen Ideen und Möglichkeiten auf den Weg, die Unterricht in Deutschland so individualisieren, dass langfristig alle Kinder und Jugendlichen etwas davon haben. Die beiden Politikerinnen haben in einem Interview mit dem Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda über die bereits erreichten Ziele der Initiative gesprochen und stellen schon jetzt positive Auswirkungen fest.

Zwischenbilanz aus Politikperspektive: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek im Gespräch mit KMK-Präsidentin Stefanie Hubig und Bildungsjournalisten Jan-Martin Wiarda © BMBF

„Man muss einfach mutig sein und anfangen“ – Individualisierung bewegt die Teilnehmenden

„Jeder Mensch steht an einer Stelle in der Welt, an der vor ihm noch nie jemand stand.“ Mit diesem Zitat von Hannah Arendt leitete der Bildungsjournalist und Filmemacher Reinhard Kahl seine Keynote „Individualisierung: Das Geheimnis guter Schulen und wie sie gelingen kann" ein. In impulsgebenden Filmbeiträgen stellte er visionäre Bildungsprojekte und Schulen vor, in denen Schülerinnen und Schüler von ihren Interessen und einer naturgegebenen Neugier geleitet in einer anregenden Lernumgebung selbständig lernen durften – ganz ohne ermüdende Wiederholungen, Langeweile oder ein zu eng geschnürtes Bewertungskorsett.

Die Beispiele sollten zeigen: Individuelles Lernen bringt eine außerordentlich hohe Motivation und Leistungsbereitschaft für alle Beteiligten mit sich. Das Plädoyer: Weg von der schieren Masse an Lernstoff, der allen Kindern im gleichen Takt vermittelt wird – hin zu einer Förderung der natürlichen Lust auf das Forschen und Entdecken. Das traf den Nerv der Teilnehmenden, die mit „Leistung macht Schule“ nach ähnlichen Wegen suchen und sich im Chat sehr intensiv dazu austauschten.

300 Projektschulen auf ihrem Weg zur potenzialorientierten Begabungsförderung

Der Forschungsverbund und die Schulen arbeiteten in gut besuchten Workshops an ihren Diagnose- und Förderinstrumenten. So beschäftigten sich Professor Ralf Benölken, Wiebke Auhagen und 22 Lehrkräfte im Fachbereich Mathematik mit adaptiven Konzepten in den MINT-Fächern. Zunächst stellten die Lehrkräfte neu entwickelte Lerninstrumente aus ihren Schulen vor. Danach erarbeiteten sie in zufällig zusammengestellten, digitalen Kleingruppen eigene „Blütenaufgaben“ für den Mathematikunterricht. „Blütenaufgaben“ können Kinder und Jugendliche – je nach ihren individuellen Potenzialen – auf mehreren unterschiedlichen Wegen lösen. Der Workshop mündete in den Wunsch der Projektbeteiligten, sich ab jetzt monatlich in einer digitalen Cafeteria zu treffen, um dauerhaft gemeinsam neue Aufgaben für ihren Unterricht zu entwickeln.

Professor Christoph Perleth und sein Team von der Uni Rostock erschlossen sich gemeinsam mit den Lehrkräften aus ihrem Projekt die Gelingensbedingungen für überregionale schulische Netzwerke. Denn gute Netzwerke können die Innovationskraft von Schulen deutlich stärken. Ein großes Interesse an diesem Thema zeigten auch die Landesinstitute beziehungsweise Qualitätseinrichtungen der Länder.

Erkenntnisse aus dem Lockdown für „Leistung macht Schule“ nutzen

In einer virtuellen Podiumsdiskussion diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Lehrkräften und Schulleitungen über die im Corona-Lockdown gewonnenen Erkenntnisse: „Corona hat vor allem in der Digitalisierung und in der Individualisierung des Lernens Versäumnisse aufgedeckt, die nicht den Schulen oder der Politik allein zur Last gelegt werden können“, resümierte Jan-Martin Wiarda. Auch wenn das Bewusstsein für beides seit Jahrzehnten da sei, fehle es bislang an genügend Umsetzungskraft, war die vorherrschende Meinung im Chat-Plenum.

Mit der Corona-Pandemie ist ein Stein ins Rollen gebracht worden, der viele Schulen – vor allem die technisch bereits gut ausgestatteten und geübten – in ihrer Entwicklung deutlich vorangebracht hat. Selbstreguliertes Lernen in offenen Strukturen und verstärkt in digitalen Formaten ist auf einmal Realität geworden und zeigte eine überwiegend positive Wirkung bei den Leistungen der nun viel eigenständigeren Schülerinnen und Schüler.

Die Diskutanten sowie das Plenum per Chat plädierten nachdrücklich dafür, dies nicht wieder aufzugeben. „Die Rufe nach Rückkehr zur Normalität darf es nicht geben, wir müssen die Digitalisierung als Chance begreifen, als etwas, das bewahrt werden muss“, forderte Heinz-Werner Wollersheim.

Eine Zwischenbilanz von und für „Leistung macht Schule“

„Was hat sich tatsächlich verändert mit ‚Leistung macht Schule´?“, wollte Jan-Martin Wiarda in der abschließenden virtuellen Podiumsdiskussion wissen. Der Gymnasiallehrer Gunnar Leuner aus Veitshöchheim antwortete mit Blick auf seine Schule: „Unsere Pädagogik geht mit ‚Leistung macht Schule‘ noch stärker vom Kind aus. Die wissenschaftliche Begleitung hilft uns Lehrkräften, unsere Erfahrungen mit neuen Methoden an der Schule besser einzuordnen. Gleichzeitig speisen wir unsere Expertise in das Netzwerk ein: Als ‚Laptopschule‘ haben wir in den letzten 15 Jahren viel Wissen erworben, das wir gern weitergeben.“ Für Frau Doktor Hedwig Michalski, Leiterin der Franziskus-Grundschule Erkelenz, hilft „Leistung macht Schule“ dabei, immer wieder den Blick zu schärfen. Besonders wenn es darum geht festzustellen, was wirklich guter Unterricht ist. „Diese Frage geht mit ‚Leistung macht Schule‘ nicht mehr im Schulalltag unter, sondern wir bleiben im Entwicklungsprozess.“

Die Arbeitsbeziehung zwischen Wissenschaft, Schulpraxis und Politik beurteilt Gabriele Weigand als sehr gewinnbringend: „Natürlich gibt es auch in der Zusammenarbeit der Beteiligten mal verschiedene Sichtweisen, aber alle verfolgen ein gemeinsames Ziel.“ Dabei seien die verschiedenen Projektbeteiligten Expertinnen und Experten für ihr jeweiliges Gebiet.

Und welche Schritte stehen als nächstes an? Eine wichtige Aufgabe beschreibt Gabriele Weigand so: „Wir wollen unsere Erkenntnisse und Methoden natürlich nicht nur an zwei Lehrpersonen aus der jeweiligen Projektschule weitergeben, sondern an die gesamten Kollegien.“ Derzeit sind 300 Schulen deutschlandweit an „Leistung macht Schule“ beteiligt. In der zweiten Phase  werden ab 2023 weitere Schulen von den Inhalten profitieren. Gabriele Weigand resümiert: „‘Leistung macht Schule‘ ist eine riesengroße Chance für uns alle, Schule in Deutschland nachhaltig zu verändern und zukunftsfähig zu machen.“

Stimmen zur Jahrestagung 2020

„Hannah Arendt sagt: ‚Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen‘. Und ich möchte hinzufügen: auch zum Weitermachen!“
Gabriele Weigand, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft, Pädagogische Hochschule Karlsruhe

„Der Großteil der Teilnehmenden hat sich, trotz des neuen Formats, viel besser als gedacht in den digitalen Räumen zurechtgefunden. Wir mussten kaum nachsteuern.“
Laura Kotschmar, Tagungsmanagerin, Universität Leipzig

„In einer guten Atmosphäre kann man Lernen gar nicht vermeiden.“
Reinhard Kahl, Journalist und Filmemacher

„In diesem Jahr sind wir mit unseren Themen viel stringenter vorangekommen. Alle haben sich auf das Wesentliche konzentriert. Durch die zufällige Gruppenzusammenstellung in den ‚Breakout‘-Sessions waren die Arbeitsgruppen stärker durchmischt als bisher und das brachte richtig kreative Ergebnisse.“
Wiebke Auhagen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Universität Wuppertal

„Natürlich fehlten die vielen persönlichen Begegnungen, aber eine anregende Atmosphäre war trotzdem da. Die Schulpraxisbeispiele haben mir besonders viele Eindrücke, Ideen und Denkanstöße mitgegeben. Die Tagung hat Mut gemacht, wieder Neues zu wagen.“
Anna Maria Mehring, Mathematiklehrerin, Maria-Montessori-Gesamtschule Aachen